Ich wandere schon seit Jahren im Valais und kann gar nicht genug davon bekommen. Es ist wahrscheinlich der großzügigste Schweizer Kanton für alle, die gerne wandern: über 800 Gipfel über 3000 Meter, jahrhundertealte Suonen, die sich an den Hängen entlangschlängeln, zu Fuß erreichbare Gletscher und Berghütten, in denen man im Schatten des Matterhorns übernachtet. In diesem Reiseführer stelle ich die Routen vor, die ich wirklich empfehlen kann, sortiert nach Schwierigkeitsgrad, zusammen mit den praktischen Infos, nach denen man immer erst in letzter Minute sucht: ideale Jahreszeit, Dauer, Höhenunterschied, Ausrüstung.
Warum der Valais ein einzigartiges Wanderparadies ist
Das Valais vereint einen Großteil der schönsten Viertausender der Alpen: natürlich das Matterhorn, aber auch das Weisshorn, den Dom des Mischabel oder das Obergabelhorn. Dieses spektakuläre Relief schafft auf kurzen Strecken eine beeindruckende Vielfalt an Landschaften: Man startet in einem terrassierten Weinberg auf 500 Metern Höhe und kann innerhalb eines Wandertages Almen auf 2.500 Metern mit Blick auf die Gletscher erreichen. Nur wenige Alpenregionen bieten diesen Kontrast so schnell.
Eine weitere Besonderheit des Wallis sind die Suonen. Diese traditionellen Bewässerungskanäle, die bereits im Mittelalter in die Berghänge gegraben wurden, um das Gletscherwasser zu den Feldern zu leiten, sind heute zu Wanderwegen umgestaltet, die fast eben und zugleich schwindelerregend sind: Man wandert auf einem schmalen Pfad direkt am Abgrund entlang, während das Wasser neben einem fließt. Die Bisse von Saint-Laurent bei Sion oder die Bisse du Ro in Savièse sind hervorragende Ausgangspunkte, um dieses in Europa einzigartige Kulturerbe zu entdecken.
Die Matterhorn-Rundwanderung: die legendäre Route
Wenn ich eine einzige große Wanderung im Valais empfehlen müsste, wäre es die Tour um das Matterhorn (Tour du Mont Cervin oder ihre internationale Variante, die Tour du Cervin, die auf der italienischen Seite in Cervinia verläuft). Rechnen Sie mit 8 bis 10 Tagen, um die gesamte Route rund um den meistfotografierten Berg der Welt zu absolvieren, wobei Sie jeden Abend in einer anderen Berghütte oder einem anderen Berghotel übernachten. Der kumulierte Höhenunterschied ist beträchtlich, mit mehreren Pässen über 2.800 Metern, aber keine Etappe erfordert alpinistische Kenntnisse: Es handelt sich um anspruchsvolles Hochgebirgswandern, nicht um Bergsteigen.
Wer nur zwei oder drei Tage Zeit hat, dem empfehle ich, sich auf den Schweizer Abschnitt zwischen Zermatt und dem Schwarzsee zu konzentrieren, mit einer Übernachtung in der Hörnlihütte, von der aus man ohne technische Ausrüstung den bestmöglichen Blick auf die Nordwand des Matterhorns hat. Die ideale Saison dauert von Mitte Juli bis Mitte September, wenn die Pässe schneefrei sind.
Rund um Saas-Fee: Gletscher und ruhige Almen
Das Tal von Saas-Fee, das etwas weniger frequentiert ist als das von Zermatt, bietet meiner Meinung nach einige der schönsten zugänglichen Gletscherwege des Valais. Der Gletscherweg zwischen Saas-Fee und Saas-Grund führt durch eine mondähnliche Moränenlandschaft mit direktem Blick auf den Fee-Gletscher. Rechnen Sie mit 3 bis 4 Stunden, ohne große technische Schwierigkeiten, was diese Tour zu einem Familienausflug für Kinder ab 8–10 Jahren macht.
Für erfahrenere Wanderer bietet die Rundwanderung über den Mattmarksee und die Britanniasattel-Hütte die Möglichkeit, mehrere Stunden lang zu wandern und dabei die umliegenden Viertausender fast ständig im Blick zu haben. Ich empfehle, früh am Morgen loszugehen: Das Licht auf den Gletschern zu Tagesbeginn ist atemberaubend, und man vermeidet die Nachmittagshitze auf den exponierten Abschnitten. Zur Vorbereitung eines Aufenthalts in der Region habe ich die Unterkunftsmöglichkeiten und die Highlights des Ferienorts in meinem Reiseführer auf Saas-Fee ausführlich beschrieben.
Zermatt und der Höhenweg: der Fünf-Seen-Weg
Man kann nicht über das Wandern im Wallis sprechen, ohne Zermatt zu erwähnen. Der bekannteste Wanderweg, der Fünf-Seen-Weg (5-Seenweg), verbindet Sunnegga mit Blauherd und führt dann über den Stellisee, den Grindjisee, den Grünsee, den Moosjisee und den Leisee wieder hinunter: fünf Bergseen, in denen sich bei ruhigem Wetter das Matterhorn perfekt spiegelt. Es handelt sich um eine leichte Wanderung von etwa vier Stunden Dauer, die für Familien geeignet ist und zweifellos die meistfotografierte des Kantons ist – was auch bedeutet, dass man besser früh aufbrechen sollte, um die Seen ohne allzu viele Menschen genießen zu können.
Anspruchsvoller ist der Europaweg, der Zermatt mit Saas-Fee (oder umgekehrt) in zwei Tagen mit einer Übernachtung in einer Berghütte verbindet und zu den schönsten Höhenwanderwegen der Alpen zählt, mit einem fast durchgehenden Blick auf gut ein Dutzend Viertausender. Sie erfordert eine gute körperliche Verfassung und etwas Gewöhnung an die Höhe, da einige Passagen mit Handläufen gesichert sind.
Verbier und die 4 Vallées: Wandern und 360°-Panoramen
Verbier ist nicht nur das Skigebiet, das man aus dem Winter kennt. Im Sommer verwandelt sich das Skigebiet „Les 4 Vallées“ in ein riesiges Wandergebiet, wobei die Seilbahnen geöffnet bleiben, um schnell an Höhe zu gewinnen. Der Mont-Fort-Wanderweg, der mit der Seilbahn und anschließend zu Fuß erreichbar ist, bietet einen 360°-Panoramablick auf den Mont-Blanc, das Matterhorn und den Grand Combin zugleich – eine Seltenheit. Für weniger geübte Wanderer ist die Tour zwischen Verbier und dem Lac des Vaux eine gemütliche 2- bis 3-stündige Wanderung mit Picknick am Seeufer.
Schwierigkeitsgrade und Klassifizierung der Walliser Wanderwege
Die Schweiz verwendet ein Klassifizierungssystem, das ich für sehr zuverlässig halte, um den tatsächlichen Schwierigkeitsgrad einer Route einzuschätzen:
- Wanderweg (gelbe Markierung): für alle zugänglich, breiter Weg ohne Ausgesetztheit, in Wanderschuhen begehbar.
- Bergwanderweg (Markierung weiß-rot-weiß): steileres Gelände, vereinzelte ausgesetzte Passagen, Bergschuhe mit hohem Schaft und Wanderstöcke empfohlen.
- Alpiner Wanderweg (Markierung weiß-blau-weiß): Hochgebirgsgelände, möglicherweise Passagen über Gletscher oder Firn, technische Ausrüstung (Steigeisen, Eispickel) und Erfahrung erforderlich.
Vor dem Aufbruch überprüfe ich systematisch die Einstufung auf den Schildern am Ausgangspunkt des Weges und in der App «SchweizMobil», die meiner Meinung nach nach wie vor das zuverlässigste Hilfsmittel für Wanderungen in der Schweiz ist.
Wann losgehen: Die Frage der Jahreszeit
Das ideale Zeitfenster für Hochgebirgswanderungen im Valais reicht von Mitte Juni bis Ende September. Im Juni können die Pässe oberhalb von 2500 Metern je nach Jahr noch durch Schnee blockiert sein – ich empfehle, die Restschneelage zu überprüfen, bevor man sich auf eine Passroute begibt. Juli und August sind die Hochsaison, mit stabilerem Wetter, aber auch mehr Besuchern auf den Klassikern wie dem 5-Seenweg. Der September ist meine Lieblingszeit: Die Tage sind noch lang, das Licht ist sanfter, die Lärchen fangen gegen Ende des Monats an, gelb zu werden, und die Hütten sind deutlich weniger frequentiert. Unterhalb von 1.500 Metern kann man fast das ganze Jahr über wandern, auch im Winter bei guten Bedingungen – dies ist zudem die ideale Zeit, um Wandern und Skifahren in derselben Woche zu kombinieren, eine Möglichkeit, die viele Besucher des Valais nicht kennen.
Praktische Tipps vor dem Aufbruch
Einige Punkte, die ich vor einer Bergtour im Valais systematisch überprüfe:
- Lokales Wetter: Im Sommer kommt es im Hochgebirge häufig zu Gewittern am Nachmittag. Auf exponierten Routen versuche ich immer, früh am Morgen aufzubrechen und vor 14 Uhr wieder zurück zu sein.
- Ausrüstung: Hohe Wanderschuhe mit gutem Grip, Thermokleidung auch im Sommer (der Wind in der Höhe kann die Situation schnell ändern), Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor – die UV-Strahlung nimmt mit der Höhe schnell zu.
- Flüssigkeits- und Verpflegung: Auf den meisten großen Routen gibt es Trinkbrunnen und SAC-Hütten, aber ich nehme immer mindestens 1,5 Liter Wasser und Energieriegel mit.
- Karten und Apps: SchweizMobil oder die swisstopo-Karten im Maßstab 1:25 000 sind nach wie vor die Standardquellen. Der Mobilfunkempfang ist in den Tälern gut, bricht aber in der Höhe schnell ab.
- Verkehrsmittel: Dank des Netzes aus Postbussen und Walliser Bergbahnen lassen sich Routen oft als Einwegtouren zurücklegen, ohne denselben Weg zurückgehen zu müssen – eine Möglichkeit, die ich systematisch nutze, um abwechslungsreiche Landschaften zu erleben.
Nach der Anstrengung: Erholung unter besten Bedingungen
Nach einem anstrengenden Tag mit vielen Höhenmetern gibt es nichts Schöneres als eine Pause in einer der zahlreichen Wellness-Einrichtungen des Kantons. Das Valais verfügt über mehrere öffentlich zugängliche Thermen und Spa-Bereiche, insbesondere in der Gegend von Leukerbad, die seit Jahrhunderten für ihr natürliches Thermalwasser bekannt sind. Ich habe diesem Thema einen umfassenden Leitfaden gewidmet, mit den Adressen, die ich wirklich empfehle, in meinem Artikel über Wellness und Thermalbäder im Valais.
Für einen Überblick über die Region, ihre Täler und Dörfer verweise ich Sie auch auf meinen allgemeinen Reiseführer zum Valais, der diese Wanderrouten gut ergänzt und Informationen zu Unterkünften, Gastronomie und dem lokalen Kulturerbe enthält. Und wenn Sie noch auf der Suche nach Inspiration für authentische Dörfer sind, ist mein Artikel über Veyras – zwischen terrassierten Weinbergen und Wanderwegen – eine hervorragende Ergänzung für die Planung eines Aufenthalts im zentralen Valais.
Mein abschließender Tipp
Wenn Sie zum ersten Mal im Valais sind und zwischen all diesen Optionen schwanken, empfehle ich Ihnen, einen Ausgangspunkt (Zermatt, Saas-Fee oder Verbier, ganz nach Ihren Vorlieben) zu wählen und von dort aus 4 bis 5 Tage lang Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen, anstatt alles am Stück abklappern zu wollen. Das Valais muss man sich verdienen: Die schönsten Aussichten bieten sich oft erst nach ein oder zwei Stunden Aufstieg und sind mit dem Auto nie erreichbar. Genau das macht diese Region meiner Meinung nach zu einer der schönsten Wanderregionen der Alpen.